Inventarmarke HASAG Flößberg

Die Geschichte

Ein kurzer Abriss gibt im Folgenden einen Einblick in die Geschichte des KZ-Außenlagers Flößberg. Eine umfangreichere Dokumentation zur Lagergeschichte ist als Teil des initiierten Projekts in Vorbereitung.

30.11.1944:  Beginn der Errichtung des HASAG-Außenlagers Flößberg

Ende November 1944 wird mit der Errichtung des KZ-Außenlagers Flößberg begonnen. Es ist das letzte von insgesamt sieben Außenlagern, welches im Auftrag der Leipziger Rüstungsfirma Hugo-Schneider-Aktiengesellschaft (HASAG) entsteht. Anfangs eine Lampenfabrik, stellt die HASAG mit Beginn des Zweiten Weltkriegs ihre Produktion ausschließlich auf die Herstellung von Kriegsgütern um. Maßgeblich unter ihrer Regie wird die sogenannte "Panzerfaust" entwickelt. Zur Produktion werden Tausende von Zwangsarbeitern aus den besetzten Gebieten zwangsrekrutiert, aber auch Häftlinge aus Konzentrationslagern kommen zum Einsatz. Mit dem Vorrücken der Roten Armee werden im Osten gelegene Produktionsstätten der HASAG ins Reichsgebiet verlagert. Flößberg bietet sich als Produktionsstandort an, da es einerseits nicht weit vom Stammwerk in Leipzig entfernt liegt, der Ort andererseits seit 1937 an das Schienennetz angeschlossen ist. Zwischen Flößberg und Beucha grenzt zudem ein größeres Waldstück an die Bahnstrecke, was auf den Versuch der Tarnung des Lagers hinweist. Kurz vor Jahresende beginnen Firmenangehörige und zivile Zwangsarbeiter, Baracken und die Umzäunung zu errichten. Schon einen Monat später treffen die ersten Häftlinge ein.


28.12.1944 -  Beginn des Häftlingseinsatzes

Es sind 150 jüdische Häftlinge aus Buchenwald, die zwei Tage nach Weihnachten im Lager eintreffen. Der Überlebende Charles Kotkowsky erinnert sich an seine Ankunft: "Schließlich erreichten wir das neue Lager, erschöpft und hungrig ...Der hießige Oberkapo Vogt empfing uns. Er war ein politischer Häftling aus Buchenwald mit dem roten Dreieck unter seiner Nummer. Er hatte schwarzes Haar und eine dunkle Hautfarbe. Er begann mit einer aufmunternden Ansprache, auf die ich nicht vorbereitet war, sie an dieser Stelle und zu dieser Zeit zu hören. Unter anderem sagte er, 'dass wir mutig und moralisch wie auch physisch stark sein sollten, um den unzumutbaren Bedingungen hier zu trotzen.'"* Unzumutbar sind die Bedingungen im Lager in der Tat. Früh gibt es eine Tasse "Ersatzkaffee". Es folgen zwölf Stunden harte körperliche Arbeit unter Aufsicht einer unberechenbaren Wachmannschaft. Erst am Abend gibt es einen Teller dünne Suppe mit einem Stückchen Brot dazu. Geschlafen wird in den winterkalten Holzbaracken auf Strohmatratzen oder auch auf bloßer Pritsche. Neben dem quälenden Hunger erweist sich das Fehlen jeglicher sanitärer Einrichtung für die Häftlinge als größtes Problem. Es gibt kein fließendes Wasser und somit für die Häftlinge keine Gelegenheit sich zu waschen. "Jeden Morgen", so erinnert sich Shaul Goldhar**, " versuchte ich die Baracke zu verlassen und ein wenig Regenwasser zu nehmen, das sich in Pfützen angesammelt hatte, um mir Hände und Gesicht zu waschen." Andere Häftlinge waschen sich gar mit dem ohnehin nicht genießbaren Ersatzkaffee am frühen Morgen. Auch die Häftlingskleidung kann weder gewechselt noch gewaschen werden. Schmutz, Gestank und Verlausung sind die Folge. An eine "Reinigung" kann sich Charles Kotkowsky jedoch erinnern: "Ende März wollten unsere 'Gesetzgeber', die SS-Männer, uns einen Frühjahrsputz verpassen. Es gab keine Bäder um sich vor Millionen von Läusen zu schützen und so hatten wir uns auszuziehen und standen nackt wartend vor einer Wand. Nachdem wir eine halbe Stunde gefroren hatten, richteten sie mehrere Feuerwehrschläuche auf uns. Nicht jedem von uns war es möglich, den Wasserstößen zu widerstehen. Jeder Wasserstoß bei diesem kalten Wetter warf uns gegen die Wand. Da gab es kein Entrinnen. Wie wir diese Tortur überlebten, ging über meinen Verstand."


Häftlinge

Als Ende März die Reinigungstortur stattfindet, hat das Lager einen Bombenangriff der Alliierten erlebt, und auch die Häftlingszahlen sind bereits rückläufig. Bis Anfang März waren die Häftlingszahlen immer weiter angestiegen. Waren es Ende Dezember 150, verdoppelt sich die Anzahl der Insassen im Januar 1945 auf 300, später 450. Am 2. Februar sind schon 769 Häftlinge in Flößberg. Bereits jetzt gibt es mehr Häftlinge als Einwohner im angrenzenden Dorf. Ende Februar erreicht die Häftlingszahl ihren Höhepunkt. Insgesamt drängen sich nun 1450 Menschen in den acht Häftlingsbaracken. Aufgrund vieler Todesfälle sinkt die Zahl der Häftlinge. Zudem werden nicht mehr arbeitsfähige Häftlinge mit Krankentransporten nach Buchenwald zurückgeschickt. "Zustand sehr schlecht" vermerkt der Buchenwalder SS-Standortarzt Schidlausky über diese Kranken. Am 7. April 1945, kurz vor der "Evakuierung" des Lagers, befinden sich noch 1144 Häftlinge im Lager. Insgesamt werden in der Zeit seines Bestehens 1904 Menschen das Lager Flößberg durchlaufen. Die SS führt das Lager als "jüdisches Außenkommando". In der Tat sind es, abgesehen von einigen "Funktionshäftlingen", fast ausschließlich jüdische Männer, die in Flößberg inhaftiert sind. Sie kommen zum überwiegenden Teil aus Polen und Ungarn, manche aber auch aus anderen europäischen Ländern. Im Schnitt sind die Häftlinge zwischen 25 und 35 Jahren alt, aber auch jüngere und ältere sind zu verzeichnen.

ArbeitTeil eines Panzerfaustkopfes

Schwere körperliche Arbeit wartet auf die Häftlinge. Zunächst wird ein verzweigtes Schienennetz für die spätere Produktionsstätte angelegt. Hierzu müssen das Gleisbett ausgehoben und schwere Schienenstücke von Hand transportiert werden. Zudem entsteht im Wald bis Ende Februar die eigentliche Produktionsstätte. Produktionshallen, Lagerräume, Wohnbaracken, ein Löschteich und ein Lokomotivschuppen werden von den Häftlingen innerhalb weniger Monate errichtet. Unmittelbar vor Produktionsbeginn legt am 5. März 1945 ein alliierter Fliegerangriff die Produktionsstätte in Schutt und Asche. Es bleibt unklar, ob jemals eine fertige Panzerfaust das Flößberger Lager verlassen hat. Auch außerhalb des Lagers werden die KZ-Häftlinge zu verschiedenen Arbeiten eingesetzt. So sieht man einige Häftlinge bei Dachdeckarbeiten auf dem Rittergut im benachbarten Ort Beucha. Auch müssen Häftlinge des Lagers nach den erfolgten Luftangriffen die nicht explodierten Bomben entschärfen. Andere werden zu Räumungsarbeiten beschädigter Gebäude herangezogen.  

Misshandlungen

Auch und gerade in Flößberg waren Misshandlungen an der Tagesordnung. Der Bericht des Überlebenden Charles Kotkowsky bezeugt einige Untaten der SS-Wachmannschaften. Aber auch die zivilen Vorarbeiter der HASAG standen den Grausamkeiten der SS in nichts nach. Kotkowsky schildert in seinem Bericht verschiedene Situationen, in denen Häftlinge misshandelt wurden:

Bestrafung von drei russischen Kriegsgefangenen, die den Hunger nicht mehr aushielten und beim Stehlen von Kartoffelschalen aus der Küche der SS-Mannschaft erwischt wurden:

"An einem Sonntag riefen uns die SS-Leute alle hinaus um zu zeigen, wie sie die Diebe für ihr Verbrechen bestrafen wollten. Sie gaben ihnen Hacken und Schaufeln und befahlen ihnen, eine Grube auszuheben. Sie fingen an sehr langsam zu graben, fast in Zeitlupe, weil sie geschwächt waren wie jeder andere auch. Je müder sie wurden, um so mehr schrieen und trieben die SS-Männer sie an und schlugen sie mit ihren Peitschen und Stöcken. Als sie schließlich vor Erschöpfung zusammenbrachen, schütteten sie Wasser (wir hatten zu dieser Zeit Wasser in Flößberg) auf sie, belebten sie neu und schrieen und schlugen mit den Schaufeln erneut auf sie ein. Zwei von ihnen versuchten, trotz der Schläge der Wachen, aufzustehen, aber sie fielen erneut nieder. Als sie sich schließlich nicht mehr rühren konnten, warfen die SS-Leute Steine auf die armen Seelen und begruben sie, wahrscheinlich noch bei lebendigem Leibe. Es war herzzerreißend eine solche Verwandlung von menschlichen Wesen in apathische Kreaturen mit ansehen zu müssen."


Selbstmord eines Häftlings nach schwersten Misshandlungen:

"Die Arbeitsbedingungen waren hier sehr schlecht und wir begannen die Schienenstücke zu verlegen. Die SS-Offiziere rannten wild umher und befahlen, mitsamt den Schienenstücken zu rennen. Sie schlugen auf jeden der in Sicht war. Mein Bruder Faywel erlitt einen Schlag mit einem Stock über dem rechten Auge von einem SS-Offizier, der eine Gummihand hatte (Wir nannten ihn Lapka). Faywel musste in den Krankenraum zur Behandlung gebracht werden.
Ein Piotrokower (polnische Heimtstadt des Zeugen, Anm. des Verf.) namens Rosen, aus der Sulejowska-Straße, versuchte gegen die Schläge, die er vom selben SS-Offizier (Lapka) erhielt, zu protestieren. Er sprach perfekt deutsch und sagte dem SS-Offizier, dass er nur Halbjude war und deshalb von der Bestrafung verschont werden sollte. Lapka wurde daraufhin rasend und schlug ihn mehrmals. Je mehr man ihn schlug, umso heftiger protestierte er, bis er schließlich voll Blut war und die Prügel nicht länger ertrug. Er schleppte sich zum Grenzpunkt und warf sich dort unter einen Viehwagen, der von Häftlingen geschoben wurde."

Die Grausamkeit der SS-Männer der Flößberger Wachmannschaft gegenüber den Häftlingen geht selbst der HASAG zu weit. Doch deutet dies nicht auf Mitleid mit den Opfern hin - der Firma geht es lediglich um den Erhalt der Arbeitskraft für die Produktion. Im Februar 1945 muss sich deswegen der SS-Obersturmführer Wolfgang Plaul vor dem KZ-Lagerkommandanten von Buchenwald, Hermann Pister, verantworten. Plaul, der als Lagerführer des HASAG-Außenlagers Leipzig auch für die übrigen Außenlager der HASAG verantwortlich ist, schreibt dem KZ-Kommandanten "..., daß die SS-Angehörigen der Pionier-Kompanie nicht mehr auf die Häftlinge schlügen." Möglicherweise geht eine Beschwerde von Firmendirektor Brettschneider, der die HASAG in Flößberg vertritt, diesem Vorgang voraus. Zumindest wird in dessen Beisein der Führer des SS-Pionier-Kommandos, Scheller, dahingehend belehrt, dass die wachhabenden SS-Männer "...strengste Bestrafung zu erwarten haben für Mißhandlung von Häftlingen." Der bisherige Kommandoführer des Flößberger Außenlagers, SS-Oberscharführer Strese, wird im selben Monat abgesetzt und durch SS-Oberscharführer Lütscher ersetzt. 

Eine gerichtliche Bestrafung der Täter von Flößberg hat nicht stattgefunden.

Die OpferHäftlingsfriedhof in Borna

Vermutungen über die Zahl der Opfer, die unmittelbar im Flößberger Lager zu Tode kamen, gehen etwas auseinander. Martin Schellenberg, der seine Magisterarbeit über die HASAG-Außenlager schrieb, gibt die Zahl von 166 Häftlingen an, die in Flößberg ihren Tod fanden. Tatsächlich liegt die Zahl der in Flößberg Umgekommenen jedoch um ein Vielfaches höher. Aus verschiedenen Archivquellen lässt sich eine Zahl von mindestens 235 Opfern nachweisen. Begraben werden sie an verschiedenen Orten. Zunächst werden während des Januars 1945 sämtliche Lagertoten nach Leipzig zur Einäscherung gebracht. 27 Flößberger Häftlinge finden somit auf dem Ostfriedhof Leipzig ihre letzte Ruhestätte. Die Toten des Februar werden hingegen mit den laufenden Häftlingstransporten nach Buchenwald rücktransportiert. Auch hier erfolgt eine Einäscherung der Verstorbenen. Insgesamt werden nachweislich 72 tote Häftlinge von Flößberg nach Buchenwald überführt. Im März ändert sich erneut der Umgang mit den täglichen Todesfällen. Ab sofort werden die Lagertoten in mehreren Massengräbern im Flößberger Wald peripher zum Lager verscharrt. Diese Praxis wird bis zur Evakuierung des Lagers am 13.April 1945 beibehalten.

Als die US-Armee nach der Besetzung die Massengräber entdeckt, werden bei einer öffentlichen Trauerzeremonie 98 tote Häftlinge nach Borna umgebettet. Die US-Militärregierung in Borna zwingt hierzu lokale Nazigrößen die Leichen zu bergen und in Einzelgräbern neu zu bestatten. Weitere 38 Opfer, die man etwas später findet, werden ebenfalls in Einzelgräbern im Flößberger Wald erneut bestattet.


Der Umgang mit dem Ort nach 1945

In der DDR der 1950er Jahre wird aus idelogischen Gründen das "kollektive Leiden" NS-Verfolgter in den Vordergrund gestellt, das individuelle Leiden verschwindet aus dem Blickfeld. Die Einzelgräber weichen jeweils einem einzelnen Gedenkstein, welcher ab diesem Zeitpunkt in Flößberg und Borna an die Toten erinnert. Die Inschrift auf dem Flößberger Stein "Die Toten mahnen" sagt nichts mehr über das Schicksal des Einzelnen aus. Das oberhalb der Inschrift in den Stein gravierte Rote Dreieck als Zeichen für politische KZ-Häftlinge ignoriert, dass es sich bei den Häftlingen überwiegend um jüdische Inhaftierte handelte. Mit der Zeit verschwindet selbst das Wissen um die Toten vor Ort. Der Ort im Flößberger Wald wird nur noch als Mahnmal verstanden, nicht mehr als Liegestätte von Opfern des Holocausts. 

Nach der Wende wird die Erinnerungskultur der DDR zunehmend vernachlässigt. Da die Geschichte des Lagers nie richtig aufgearbeitet wurde, fühlt sich niemand mehr für das "Mahnmal" verantwortlich. Es ist dem Verfall preisgegeben. Obwohl es immer wieder einzelne Initiativen gibt, an das Lager zu erinnern, geriet das Außenlager Flößberg immer tiefer in Vergessenheit . Die Bürgerinitiative "Flößberg gedenkt" und seit 2006 die "Geschichtswerkstatt Flößberg e.V." versucht deshalb, das Flößberger Lager wieder in das öffentliche Bewusstsein zu rücken.

*Quelle: The Montreal Institute for Genocide and Human Rights Studies. http://migs.concordia.ca/memoirs/kotkowsky/kot_mem.html
**Bericht abgelegt im Dezember 1966 (Originalsprache ist hebräisch), Quelle: Yad Vashem, YVS-0.3/3090

                           
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